Gratwanderung
Der Münchner Hausbergklassiker schlechthin: vom Heimgarten über den Grat hinüber zum Herzogstand, rechts der Walchensee, links der Kochelsee und das Voralpenland. Eine Gratwanderung im wahrsten Sinne des Wortes – mit Erbsensuppe, weichen Knien und einer alten Rechnung, die noch offen war…
Die Wanderung
Geplant war die Tour eigentlich gar nicht. Karin musste von München nach Innsbruck und wurde wegen einer Umleitung nicht über die Autobahn, sondern über den Walchensee geschickt. Als ich das gehört habe, habe ich sofort vorgeschlagen: Lass uns da wandern gehen! Ich hatte die Tour nämlich schon einmal probiert und bin daran gescheitert, aber dazu später mehr.
Letzten Sonntag war es dann so weit: keine Wolke am Himmel, glasklare Sicht, Bergwetter wie aus dem Prospekt. ☀️ Schon bei der Anfahrt über Kochel war uns klar, dass wir für unsere spontane Idee genau den richtigen Tag erwischt hatten. Die Berge standen gestochen scharf vor einem tiefblauen Himmel, und wir konnten es kaum erwarten, endlich loszugehen.
Kurz die Eckdaten: Gegen 10 Uhr sind wir am Parkplatz in Walchensee losgestiefelt, auf rund 800 Metern. Von dort geht es zuerst auf den Heimgarten (1791 m) und dann über den Grat hinüber zum Herzogstand (1731 m). Bis zum Heimgarten sind das knapp 1000 Höhenmeter am Stück, am Grat kommen noch ein paar Gegenanstiege obendrauf. Mit allen Pausen standen wir gegen 16 Uhr am Herzogstand, waren also rund sechs Stunden unterwegs. Runter haben wir es uns dann leicht gemacht und die Herzogstandbahn genommen.
Durch den Wald nach oben
Die Wanderung fängt ganz kurz gemütlich an – und dann geht es ziemlich lange einfach nur bergauf. Stufe um Stufe, Kehre um Kehre haben wir uns nach oben gearbeitet. Der erste Teil liegt im Wald und damit im Schatten, bei dem Wetter ein Segen. Es riecht nach Harz und warmem Waldboden, die Sonne fällt in Streifen durch die Bäume, und immer wieder blitzt zwischen den Ästen der Walchensee herauf. Fast schon kitschig idyllisch – wir sind alle paar Minuten stehen geblieben, um zu schauen und zu staunen.
Nicht alle Mitwanderer waren uns sympathisch. Ein Pärchen zum Beispiel: Er rennt los wie ein Blöder, sie kann nicht mehr und muss ständig Pause machen. Er wartet dann 50 Meter weiter vorne, minimal genervt… Da waren wir zwei uns schnell einig, dass wir das anders machen: gemeinsam gehen, gemeinsam schnaufen, gemeinsam stehen bleiben. Und dann gibt es noch die Leute, die ihren Müll einfach fallen lassen. Warum zum Geier liegen da überall Tempos am Weg?! 🤦
Je höher wir kamen, desto besser wurde dafür die Aussicht. Irgendwann lag der Walchensee türkisblau unter uns, dahinter eine Bergkette nach der anderen.
Der letzte Anstieg zum Heimgarten
Dann lichtet sich der Wald und wir sehen zum ersten Mal, was da noch auf uns wartet: der Gipfel vom Heimgarten und daneben der Grat. Von hier unten schaut beides noch ganz schön weit weg aus.
Zum Glück haben wir genau hier Brotzeit gemacht, mit Gratblick sozusagen. Wir saßen einfach da, haben es uns schmecken lassen und dabei schon einmal begutachtet, wo wir später drübergehen würden. Ohne diese Pause hätten wir den Rest vom Aufstieg nie so gut gepackt.
Der letzte Anstieg zum Heimgarten hat es dann noch einmal richtig in sich. Gut 300 Höhenmeter, und die ziehen sich wie Kaugummi. Wir haben uns gegenseitig den Berg hinaufgemotiviert, und irgendwann stand sie dann wirklich vor uns: die Heimgartenhütte (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Dort gab es zur Belohnung a Erbsensuppe mit Würschtl, Kuchen und Kaffee, und das Ganze in der prallen Sonne vor der Hütte. 😋 Selten hat eine Suppe so gut geschmeckt! Am Tisch sind wir mit Hamburgern ins Ratschen gekommen, die gerade in Bad Tölz auf Kur sind. Interkultureller Austausch am Berg sozusagen – das war richtig cool. Die Hütte ist offenbar auch bei Einheimischen sehr beliebt: nette Gespräche, nettes Ambiente und dazu ein herrlicher Ausblick. Wir wären am liebsten noch viel länger sitzen geblieben.
Von der Hütte sind es nur noch ein paar Minuten bis zum Gipfelkreuz. Oben standen wir dann in der Sonne, rundherum nichts als Berge, Seen und blauer Himmel. Es war richtig schön da oben, wir haben uns gefreut wie die Schneekönige – und waren schon heiß auf den Grat.
Der Grat
Frisch gestärkt haben wir uns an den Grat gewagt. Hier bin ich schon einmal gescheitert: 2017 war eine Stelle eingeschneit und ich durfte den ganzen Weg wieder zurücklatschen. Ich wusste also ungefähr, was auf uns zukommt. Nur das letzte Stück kannte ich noch nicht…
Am Vorabend haben wir uns noch gemeinsam auf YouTube angeschaut, ob das machbar ist, und dachten: easy! Ganz so easy war es dann doch nicht. Es stimmt schon, der Weg ist die meiste Zeit sehr gut, und links und rechts versperren Latschenkiefern gnädig den Blick nach unten. Aber es gibt eben auch ein paar ausgesetzte Stellen, an denen es auf beiden Seiten ordentlich hinuntergeht und man lieber nicht stolpert. Mir ging ganz schön die Düse. 😅 Karin, die Gams ausm Pongau, ist zum Glück die Ruhe selbst geblieben. Nach ein paar Tagen Exkursion im Tiroler Hochgebirge konnten sie die niedrigen bayerischen Berge nicht mehr schrecken, und ich war heilfroh, sie an meiner Seite zu haben.
Dafür wird man am Grat fürstlich belohnt: auf der einen Seite der Walchensee und dahinter die Alpen, auf der anderen das flache Voralpenland bis zum Horizont. Wir waren meistens etwas langsamer als der Rest auf dieser Strecke (wie können die nur so rennen?!) und haben uns davon nicht stressen lassen. Wir sind unser eigenes Tempo gegangen, haben viel geschaut, viel fotografiert und zwischendurch auch einfach nur gegrinst.
Zum Schluss wurde es dann doch noch einmal ärger. Die Strecke nach meiner Umkehrstelle von 2017 (warum geht man auch im Frühling?) hat uns ordentlich Nerven gekostet, und das letzte Stück zum Pavillon, dem Gipfel vom Herzogstand, mussten wir schier hochklettern. Dafür war es nicht mehr ausgesetzt, sondern in einer Rinne – also nur noch anstrengend.
Und dann standen wir oben: Wir haben den Grat gemeinsam bezwungen, und für mich war nach neun Jahren endlich die alte Rechnung mit dem Grat beglichen. 😈
Mit der Bahn ins Tal
Vom Gipfel sind wir am Berggasthaus Herzogstand (externer Link, öffnet in neuem Tab) vorbei zur Bergstation gewackelt, denn runter haben wir uns die Bahn gegönnt. 🚠 Die Idee hatten allerdings gefühlt alle anderen auch, und so standen wir erst einmal eine gute halbe Stunde in der Schlange.
Fad wurde uns dabei nicht, im Gegenteil. Zuerst habe ich meine Standardpredigt gehalten: Zigarettenstumpal schmeißt man nicht in den Wald! Wer mich kennt, weiß, dass ich da nicht mehr zu bremsen bin. Danach habe ich noch Spinnen vor hysterischen Damen gerettet 🕷️ (oder die Damen vor den Spinnen, das ist Ansichtssache) und in der bummvollen Gondel stoisch die Ruhe bewahrt, während wir dicht an dicht wie in einer Sardinenbüchse ins Tal geschaukelt sind.
Warum mich die Stumpal so aufregen
Ein Zigarettenfilter ist kein Papier und keine Watte, sondern Plastik: Celluloseacetat (externer Link, öffnet in neuem Tab). Im Freien dauert es bis zu 15 Jahre, bis so ein Stumpal zerfallen ist – und übrig bleibt Mikroplastik.
Dazu kommt, was im Filter hängen bleibt: Nikotin, Arsen, Blei, Cadmium und noch einiges mehr. Sobald es regnet, wird das Zeug ausgewaschen. Laut einer Studie der TU Berlin (externer Link, öffnet in neuem Tab) löst sich die Hälfte des Nikotins schon in weniger als einer halben Stunde aus dem Filter. Eine einzige Kippe kann demnach rund 1000 Liter Wasser so stark belasten, dass der Grenzwert überschritten ist, ab dem Wasserlebewesen Schaden nehmen können.
Im Wald kommt dann noch die Brandgefahr dazu. Das Stumpal gehört also in den Taschenaschenbecher und daheim in den Restmüll. Mehr dazu gibt es zum Beispiel bei Quarks (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Unten angekommen waren wir ehrlich gesagt ziemlich am Arsch: kaputt, mit müden Beinen und immer noch ein bisserl zittrigen Knien. Wobei wir uns im Nachhinein weniger um uns selbst fürchten mussten als um so manchen Mitwanderer. 😄
Zum Glück wartete da schon unser bester Freund des Tages: der Fischerwirt (externer Link, öffnet in neuem Tab) in Schlehdorf. Wir sind direkt hingefahren und haben den Tag gebührend zelebriert, mit richtig gutem Essen aus der Gegend. Karin hatte Fisch, ich Schnitzel mit Rahmschwammerl und Spätzle.
Entstehung, Dauerbrenner Eiszeit
Wer oben am Grat steht, dem fällt eines sofort auf: Die Alpen sind hier einfach zu Ende. Kein sanftes Auslaufen, keine Hügel, die langsam kleiner werden – hinter dem letzten Bergrücken ist es auf einmal brettleben, bis zum Horizont. Wir sind da oben gestanden und haben uns gefragt, wie so etwas entsteht. Die Antwort hat zwei Teile. Dass die Berge hier aufhören, liegt an der Faltung der Alpen: Bis hierher wurde das Gestein aufgetürmt, weiter nicht. Den Feinschliff hat dann die Eiszeit erledigt, und die ist bei uns in der Gegend sowieso an fast allem schuld.
Die Gletscher haben die Landschaft vor den Bergen noch einmal gründlich umgeformt, Becken ausgeschabt und Seen und Moore hinterlassen. Man muss sich das einmal vorstellen: Vor 20.000 Jahren hätten wir vom Heimgarten nicht auf Wiesen, Moore und Dörfer hinuntergeschaut, sondern auf ein Meer aus Eis. Nur die höchsten Gipfel haben noch herausgeschaut, wie Inseln. Der Grat, über den wir gegangen sind, wäre so eine Insel gewesen.
Wie die Landschaft hier entstanden ist
Warum die Berge hier aufhören: Das hat nichts mit dem Eis zu tun, sondern mit der Entstehung der Alpen. Dabei wurden die Gesteine gefaltet, gestapelt und nach Norden geschoben. Am Alpenrand ist dieser Stapel zu Ende. Davor liegen nur noch niedrige, runde Flyschberge (externer Link, öffnet in neuem Tab) und dann das Molassebecken (externer Link, öffnet in neuem Tab), eine Senke voller Abtragungsschutt aus den Alpen.
Das Gestein: Herzogstand und Heimgarten bestehen aus Hauptdolomit (externer Link, öffnet in neuem Tab) und Plattenkalk aus der Trias, über 200 Millionen Jahre alten Ablagerungen aus einem flachen Meer. Bei der Faltung wurden sie steil gestellt; an der Nordseite des Jochbergs stehen die Dolomitplatten sogar senkrecht.
Dann kam das Eis: Die letzte Kaltzeit, die Würm-Kaltzeit (externer Link, öffnet in neuem Tab), dauerte von rund 115.000 bis etwa 10.000 Jahre vor heute; am größten waren die Gletscher vor etwa 20.000 Jahren. Gespeist vom Inngletscher drückte das Eis durch Loisachtal, Isartal und über den Kesselberg aus den Bergen heraus. Am Kesselberg, dem Sattel zwischen Herzogstand und Jochberg, stand es rund 1400 m hoch: Der Jochberg (1565 m) ragte nur etwa 150 m heraus, der Herzogstand rund 330 m, der Heimgarten noch ein Stück mehr. So eine Insel im Eis heißt Nunatak (externer Link, öffnet in neuem Tab). Im Vorland reichte der Isar-Loisach-Gletscher (externer Link, öffnet in neuem Tab) bis Landsberg am Lech, Grafrath, Leutstetten und Hohenschäftlarn, also bis kurz vor München.
Was der Gletscher hinterlassen hat: Wo das Eis aus den Bergen kam, hat es tiefe Becken ausgeschabt. Der Eisstrom vom Walchensee her kolkte das Kochelsee-Becken aus und teilte sich danach: Der westliche Ast grub den Starnberger See, der östliche das Wolfratshauser Becken. Das Eis aus dem Loisachtal schürfte Murnauer Becken und Ammersee aus. Nach dem Abschmelzen wurden daraus Zungenbeckenseen (externer Link, öffnet in neuem Tab); ein Teil ist seither zu Mooren verlandet.
Und der Walchensee? Der ist die Ausnahme: Sein Becken ist tektonisch eingesenkt, die Gletscher haben es nur noch ausgeräumt. Deshalb ist er einer der tiefsten bayerischen Alpenseen.
Quellen
- Hermann Jerz: Das Wolfratshausener Becken (externer Link, öffnet in neuem Tab), Eiszeitalter und Gegenwart, 1979
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: Tölz-Miesbacher Oberland (externer Link, öffnet in neuem Tab), 2011
- Wikipedia: Würm-Kaltzeit (externer Link, öffnet in neuem Tab), Isar-Loisach-Gletscher (externer Link, öffnet in neuem Tab), Herzogstand (externer Link, öffnet in neuem Tab), Jochberg (externer Link, öffnet in neuem Tab), Kochelsee (externer Link, öffnet in neuem Tab), Walchenseeberge (externer Link, öffnet in neuem Tab), Hauptdolomit (externer Link, öffnet in neuem Tab), Molassebecken (externer Link, öffnet in neuem Tab)